Samstag, 21. September 2019

Bericht über die Wiederherstellung der Arp Schnitger Orgel Oederquart 2013-2017


Von Wolf-Christian von Uslar-Gleichen
Als ehemaliger Internatsschüler der Paul-Gerhardt-Schule, Abiturjahrgang 1964, bin ich der Bitte von Rolf-Erich Wandhoff gerne nachgekommen, über meine Sponsorentätigkeit für Oederquart zu berich-ten. Nach meinem Schritt in den Ruhestand 2009 zogen wir von Neuss nach Oederquart. Das ist ein kleines Dorf mit rund 1.200 Einwohnern in Kehdingen, gehört zum Landkreis Stade und liegt an der Nie-derelbe, bäuerlich geprägt, ehemals mit eigener Superintendentur. Sehenswert ist die spätgotische St. Johanniskirche mit ihrem Altar, der holzgeschnitzte Darstellungen aus dem Marienleben zeigt, die noch aus der vorreformatorischen Zeit stammen, als hier ein Marienwallfahrtsort war. 
Der Marienaltar aus dem 15./16. Jh.

Berühmter ist indes die Orgel, die Arp Schnitger 1678-1682 schuf. Es ergab sich 2013/14, daß aus EU Fördermitteln eine Restaurierung der Orgel denkbar erschien, sofern die Kirchengemeinde den Eigenbeitrag zusammenbrächte. Vom Oederquarter Kirchenvorstand wurde ich deshalb 2013 gebeten, mich um Spenden zu bemühen. In Unkenntnis, was es bedeuten würde, habe ich die Aufgabe leichten Herzens übernommen, da mir mein Vetter, ehemaliger Kulturdezernent der Bundeshauptstadt Bonn, von der Kulturstiftung der Bundesländer in Berlin berichtete, die für die Finanzierung solcher Aufgaben prädestiniert sei, da der Finanzierungsbedarf mit 750.000 € unter einer Million liege. Für Finanzierungssummen über 1 Mio € ist die Bundeskulturstiftung zuständig.
Entsprechend der Empfehlung meines Verwandten gründete ich einen gemeinnützigen nicht eingetragenen Verein, besorgte zum Nachweis des öffentlichen Interesses an der Maßnahme einen Schirmherrn in Gestalt des  Landrats des Kreises Stade und über meinen Schwager, Professor der Musikwissenschaft in Weimar, ein Gutachten zu Sinn und Zweck der Wiederherstellung einer Barockorgel in der struktur-schwachen, ländlich bäuerlichen Niederelbe- Marschlandschaft. Alles hing daran, die mit 100.000 € in Aussicht gestellte Förderung aus EU Strukturfondsmitteln zu gewinnen, die einen Eigenanteil der Kirchengemeinde von ca 30.000 € voraussetzte. Zwar gab die ev.luth. Landeskirche Hannover sofort die Zusicherung, daß sie sich zu einem Drittel an den Kosten der Gesamtmaßnahmebeteiligen werde, aber bereits das zuständige Kreiskirchenamt Stade versuchte, mit allen Mitteln den Plan zu durchkreuzen, da die Kirchengemeinde mit gut 1.000 Seelen, alle Konfirmanden bereits eingerechnet, keine eigenen Gelder habe und für seine Etataufgaben auf die landeskirchlichen Zuweisungen angewiesen sei. Die Klippe des Eigenbeitrages konnte umschifft werden, indem es gelang, die Klosterkammer Hannover ins Boot zu bekommen, deren Beteiligung als Eigenmittel gewertet wurde und weil wir in der Anfangseuphorie rund 12.000 € hier sammeln konnten. In dieser Phase kam es dann durch Vermittlung meines Vetters zu der so hoffnungsvoll erwarteten Begegnung in Berlin mit der Generalsekretärin der Kulturstiftung, Frau Pfeiffer-Poensgen, der jetzigen Kultusministerin in Nordrhein-Westfalen. Das Gespräch war sehr freundlich, aber brachte im Ergebnis nur Namen von in Frage kommenden Stiftungen, die anzusprechen seien und ein kostenloses Abonnement der Zeitschrift „Ars Prototo“, dem Mitteilungsblatt der Kulturstiftung. Grund für die Ablehnung war die uns unbekannte Tatsache, daß von der Stiftung nur museumsbezogene mobile Kulturgüter gefördert werden.  Immerhin hatte ich jetzt einige Aufhänger, denn welche unter den gut 20.000 Stiftungen in Deutschland sind auf Orgelrestaurierung ansprechbar?
So habe ich zunächst einmal die genannten Adressen abgearbeitet, die alle nicht zogen, da sie inzwischen ihren Fokus geändert hatten, regional für die Niederelbe aus Satzungsgründen nicht zuständig waren usw. Bei den dann geführten vielen Gesprächen, persönlich oder per Telephon, bekam ich Stiftungsnamen, bei denen ich mit Erfolg antichambrieren konnte. So stand dann schließlich die Finanzierung des I. und auch des II. Bauabschnitts, die von der Orgelbaufirma Rowan West aus Ahrweiler über die Maßen gut ausgeführt wurden. Für die III.  abschließende Stufe mit 275.000 €, welche die Orgel wieder zur Schnitgerschen Registrierung mit 28 Registern, 3 Manualen und Pedal führen sollte, bedurfte es dann nochmal einer Extraanstrengung. Mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Bingo Umweltstiftung, der Stiftung Orgelklang sowie etlicher weiterer Stiftungen konnte auch diese Hürde genommen werden. Sie erbrachten die großen Summen. Wichtig und nicht zuletzt für die Identifikation mit dem Projekt waren die sehr vielen Privatpersonen des Freundesund Bekanntenkreises, die aus der Familie, der Schule, der Universität, aber auch aus dem Kreis meiner Mandanten stammten und aus dem Kreis der hier Ansässigen. Die von uns aufgelegte Pfeiffenpatenschaft hatte ein eher geringes Echo, aber fand Unterstützer weitab von hier  in ganz Deutschland.

 
Ansicht derArp-Schnitger-Orgel Oederquart

Warum das ganze Theater mag man sich fragen? Die Erklärung liegt in Schnitgers Meisterschaft. Er ist unter Orgelfachleuten anerkannt der wohl berühmteste Orgelbauer Deutschlands der Barockzeit, ja Europas, vergleichbar der in Sachsen und im Elsass bekannten Familie Silbermann. Er hat zu Lebzeiten rund 165 Orgeln geschaffen, die in ganz Europa bis nach Russland installiert wurden. Jetzt befinden sich die noch vorhandenen 35 in Deutschland, besonders hier im Elbe-Weser Dreieck und Ostfriesland, aber auch in Holland, Portugal und Brasilien. Sie sind so kostbar und einmalig, daß bedeutende Fachleute deswegen aus Übersee anreisen, um sie zu spielen und zu staunen.  Im jetzt wieder hergestellten fabelhaften Zustand entfaltet die hiesige Orgel eine große Ausstrahlung. Schon mehrere Professoren diverser Musikhochschulen waren mit ihren Orgelstudenten hier, wir werden dann vor deren Abreise mit einem schönen Konzert der Schüler belohnt. Spürbare Auswirkungen hat die Orgel auf das regionale Kulturleben und den Tourismus, dessen Rückgrat der Niederelberadweg darstellt, also die rund 80.000 Nutzer auf der Strecke Hamburg-Cuxhaven. Da ist Oederquart mit der
Aussenansicht der
St.Johanniskirche Oederquart
Nr.4 der noch vorhande-nen Orgeln und einem gut geführten Gasthof einen Abstecher wert, zumal es die einzige Schnitger Orgel Kehdingens ist, im Gegensatz zum Alten Land, welches mehrere bietet, so auch die in Neuenfelde, jetzt zu Hamburg gehörend, wo Schnitger 1719 gestorben ist.
Warum hat ausgerechnet Oederquart sich kurz nach dem 30jährigen Krieg, in dem die Pappenheimer hier verheerend gehaust hatten und die vorhandene Orgel in desolatem Zustand zurückließen, eine solch kostbare Orgel leisten können? Die Erklärung liegt darin, daß hier produziertes Getreide zu sehr
auskömmlichen Preisen nach Hamburg und England verkauft werden konnte. Tragend für die Beauftra-gung Schnitgers waren auch die hier begüterten adligen Familien, die sich jetzt erfreulicher Weise nicht unerheblich haben einbinden lassen. Im Schnitgerjahr 2019, welches zum 300. Todestag des Meisters vielfältig begangen wird, gab es auch in Oederquart einige Konzerte, unter der Verantwortung der Stader Orgelakademie, die immer wieder Exkursionen zu den Orgeln der Region anbietet.

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